Sportfreunde | 08.05. – 29.10.2017

Werke von Norbert Schessl

Skulpturen & Installationen aus Jurastein

 

« 1 von 9 »

 

Hier klicken für Link zum Workshop mit der Grundschule Jettingen-Scheppach

 

Einführende Worte von Flora Nieß, Doktorandin der Kunstgeschichte:

„Sehr geehrte Damen und Herren, liebe Freunde der Kunst!

Unter dem Titel „Sportfreunde“ präsentiert uns Norbert Schessl einige seiner Arbeiten in Stein. Gerade hier in diesem Bau von Dominikus Böhm entfaltet der Titel seine ganz besondere Wirkung, stehen wir doch in einer ehemaligen Gymnastikhalle. Damit spricht der Titel der Ausstellung zunächst die Historizität des Raumes an. Generationen von Schülern und Schülerinnen haben hier Sportunterricht erhalten. Heute erinnert die Architektur des Raumes noch immer an diese Geschichte. Insbesondere der Boden, die Raumaufteilung und der Eingangsbereich können seinen ehemaligen Zweck nicht leugnen. Lassen wir in unserer Imagination die Zeit sich verdichten, dann stehen wir hier umgeben von Generationen von Kindern, die inzwischen Erwachsen und vielleicht sogar alt geworden, hier ein und aus gegangen sind und mit ihnen Freude und Leid, Mut und Angst. Gleichzeitig können wir hier ganz am Beginn einer neuen Nutzung dieser Räumlichkeiten Zukunft erahnen. Gegenwärtig aber sind hier in Schessls Arbeiten die „Sportfreunde“ zu Stein, zu Kunst geworden.

[read more=“Click here to Read More“ less=“Read Less“] Dies alles zu erwähnen wäre zwar für ein Bild des Raumes, des Baus hier interessant, aber für die Kunstbetrachtung unerheblich, wenn Norbert Schessls Arbeiten uns nicht mitten in diesen großen Themenkomplex hinein katapultieren würden. Schessls Arbeiten sprechen von: ZEIT, genauer von Ewigkeit und Vergänglichkeit. In Anbetracht der Steinskulpturen stehen wir als vergängliche Wesen, jedoch ausgestattet mit einem historischen Bewusstsein und gleichzeitig dem allgegenwärtigen Wunsch, Zukunft gestalten zu wollen, mitten im Sog dieser Zeit. Stein als Material dagegen verkörpert schon an sich Ewigkeit. Wie viel Zeit hat dieser konkrete Stein, der heute in dieser vom Künstler gegebenen Form vor uns steht, durchschritten. Im Juragestein, dem Material, das hier verarbeitet wurde, haben sich Abdrücke von Urtieren und – pflanzen erhalten. Das wohl berühmteste Beispiel ist der bei Eichstätt gefundene Archäopteryx, einer Zwischenform von Vogel und Reptil, ein Wesen aus einer Zeit, in der Menschen vielleicht noch nicht einmal angedacht waren. Aus diesem Stein nun, in diese lange Geschichte hinein, schlägt der Künstler sein Eisen. Er hinterlässt damit selbst eine Spur, die der Stein in die Zeit weitertragen wird. Des Künstlers Formwille ist buchstäblich „in Stein gemeißelt“. Ebenso wie Steinbauwerke jene sind, die auch noch nach Jahrhunderten, wenn sich Kultur und Menschheitsverständnis vollständig gewandelt haben, noch existieren, wird auch dieser Stein, nun als Kunstwerk, in der Geschichte weiterleben. So sind es vor allem die steinernen Bauwerke, die den Historiker begleiten und Archäologen wissen, dass sie es vor allem mit Steinartefakten zu tun haben, weil es dieses Material ist, das die Geschichte überdauert. Steinartefakte der frühesten Menschen und deren Vorfahren, der Neandertaler, sind uns bis heute erhalten und erzählen uns eine Geschichte unseres eigenen Anfangs.

So nimmt der Künstler heute diesen Stein, bezieht sein Form und seine Struktur, die selbst von seiner Herkunft und Geschichte zeugen, mit ein und greift ein, als Mensch und dessen Willen zur Gestaltung. Er drückt dem Stein seine Handschrift auf und markiert in diesem damit seine Zeit. Diese neue Form geht weiter, keiner kann ermessen, was aus diesem Stein noch gemacht werden wird, welche Funktion er erhalten, welche Geschichte er noch erleben wird, denn genauso wie der Stein vor uns Vergangenheit hat, hat er Zukunft weit über uns hinaus.

Man könnte fast sagen, dass der Stein diese Ewigkeit und damit den historischen Abdruck, den der Künstler hinterlässt nicht so ohne weiteres freigibt. Das menschliche Eintreten in diese vom Menschen so unabhängige Sphäre muss erarbeitet werden. So ist auch der Bearbeitungsprozess zeitaufwändig und benötigt Kraft, jeder Schlag muss sitzen, er ist unumkehrbar, für die Ewigkeit gemacht. Dieses Spiel des unvergänglichen, harten, zeitlosen Materials und der vergänglichen, weil menschlichen künstlerischen Umformung, kurz gesagt, das Flüchtige, Menschliche und ihr Gegenpart, das Ewige, das sind die beiden Topoi, die Schessl in seinen Arbeiten miteinander spielen lässt.

Die Serie „Turnerriege“ kombiniert auch formal Organisch-vergängliches mit Anorganisch-unvergänglichem. Schessl bearbeitet den Stein so, dass dessen Charakter als Stein, als Kalkstruktur immer erhalten bleibt. Dennoch erschafft er Partien, die entweder in ihrer Umrisslinie, ihrem Habitus oder in ihrer Oberflächenbeschaffenheit eine weiche, geschmeidige, körperliche Anmutung annehmen. Einige Werke werden unverkennbar zu Aktdarstellungen, die ihren Fokus jedoch nicht auf die realistische Darstellung eines nackten menschlichen Körpers legen, sondern vielmehr einen amorphen, weichen Körper zeigen oder andeuten. Das Gefühl für das Weiche ist wesentlich wichtiger als anatomische Stimmigkeit. Indem der Stein zum Menschen wird – und der Prozess der Metamorphose bleibt sichtbar – bewegt sich diese Figur zwischen Vergänglichkeit und Ewigkeit. Dieses Thema bestimmt auch den Mythos von Pygmalion und Galatea. Etwa in der Zeit um Christi Geburt veröffentlichte der römische Dichter Ovid seine „Metamorphosen“ oder „Bücher der Verwandlungen“. Darin beschreibt er die Geschichte des Bildhauers Pygmalion, der sich in eines seiner weiblichen Abbilder verliebt und so die Göttin Venus bittet, sie möge ihm eine Frau schicken, die so sei wie jenes Bildnis. Venus erhört Pygmalion und lässt seine Statue lebendig werden. Galatea wird zur Frau aus Fleisch und Blut. Diese Geschichte erhellt unseren Kontext. Im Moment als Venus Pygmalions Wunsch erfüllt und Galatea weich und warm werdend wie Wachs in Pygmalions Arme fließt, in dem Moment wird sie organisch, wird sie menschlich und sie wird vergänglich. Ihre in Stein gemeißelte Schönheit beginnt zu altern, zu vergehen, sie wird hineingeworfen in ein menschliches Zeiterleben. Galatea wurde zum Menschen und war, wie von Venus gegeben, der Liebe fähig, aber sie hat ihre Unsterblichkeit dafür eingebüßt. Allerdings gibt es für dieses Paar einen Ausweg. Sie bedienen sich eines gängigen Kniffs der Menschen, sich zumindest gefühlt unsterblich zu machen. Pygmalion und Galatea zeugten ein Kind. Das Aushandeln der Zeit, die uns als Menschen gegeben ist, der Wunsch nach Ewigkeit im gleichzeitigen Bewusstsein der Vergänglichkeit, auf diese Thema stoßen uns die Werke in Schessls „Turnerriege“.

Seine Arbeiten mit dem Titel „Begleiter“ zeigen das Weich-Organische nur noch ganz rudimentär. Lediglich ihr Umriss und die Andeutung von Unterteilungen deuten in diese Richtung. Damit wirken sie sofort der Zeit entrückt, der Vergänglichkeit enthoben. Sie erinnern an steinerne Wächter am Wegesrand, an sogenannte Steinmandl. Diese Wegmarkierungen, die es in vielen Kulturen und Ländern in vielfältiger Ausführung gibt, sind kein abstrahiertes oder stilisiertes Abbild eines Menschen mehr, sie zeigen vielmehr die Anwesenheit im Wortsinne an. Sie machen unverkennbar deutlich, dass hier jemand war. Das Wesen des nicht zufälligen, sondern gewollten Gestaltens ist ein untrügliches Zeichen einer wenn auch vergangenen Anwesenheit. Deshalb funktionieren die Wegmarkierungen, um uns einen bereits erschlossenen Weg anzuzeigen. Aber die Steinmandl fungieren in vielen Erzählungen auch als Wächter gegen böse Geister. Das tun sie schlicht, indem sie Anwesenheit demonstrieren. Gerade weil sie keine deutlichen Gesichtszüge, seien sie menschlich oder phantastisch, zeigen, sondern ganz offensichtlich steinern sind, werden sie zu ewigen Wächtern, zu Wesen, deren Anwesenheit über die Zeit hinaus sicher ist. Sie werden zu „Begleitern“, die stumm aber präsent sind.

Eine weitere Facette von Zeitgeschehen bearbeitet Schessl in seinen geometrisch-abstrakten Arbeiten, die gleichzeitig den größten Materialcharakter beibehalten haben. Die geometrisch orientierten Zusammenstellungen erinnern an architektonische Fragmente. Entweder an Überbleibsel eines Bauwerkes oder Teile einer Baustelle. In beiden Fällen deuten die Arbeiten hin auf den Prozess. Sie stehen in einem Kreislauf ohne Anfang und Ende von Entstehen und Vergehen, von Sein, Werden und Verfall, der selbst wieder die Möglichkeit für Neues eröffnet. So entstehen auf den Ruinen alter Bauwerke neue und das gleiche Material wird in einen völlig neuen Kontext überführt. In dieser Weise hat auch Schessl die Steinfragmente nun zusammengestellt in lose abstrakte Kompositionen, die dazu anregen, einen neuen Kontext dafür herzustellen. Dabei bleibt ihre Zusammenstellung absolut offen und deutet damit hin auf vielfältige neue Möglichkeiten, die in der Zukunft liegen.

Die Arbeiten Schessls, denen wir hier gegenüber stehen, zeigen in Abstufungen eine Nähe und große Entfernung von menschlichem, künstlerischem Eingreifen und eine Sichtbarmachung dieses Prozesses. Auch formal lässt der Künstler das Organisch-Menschliche und das Steinern-Materielle miteinander um Raum ringen. Sie bewegen sich damit immer im Spannungsfeld von Zeit, Geschichte und Zukunft. Gerade in diesen Räumen lassen die Werke uns damit als Menschen mit Geschichte begreifen. In diesem Sinne freue ich mich nun auf Alexandra Böhms Rückblick auf dieses Bauwerk! Lassen Sie uns weiter gespannt sein, was uns diese Ausstellung und diese Räumlichkeiten heute und in Zukunft noch bringen.“ [/read]